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Auf dem Abstellgleis

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Dank einem Flickwerk beim ÖV verlieren viele von uns schnell mal 300 Tage Lebenszeit. Das wirkt sich auch auf den Standort aus.

Wer in den letzten Tagen Bezahlzeitung gelesen hat, würde mit einer regelrechten öV-Euphorie zur Fahrplanumstellung überschüttet. Vom «neuen Zeitalter» des öffentlichen Verkehrs war die Rede, das neue städtische Buskonzept wird in den Himmel gelobt. Dass sich die Region St.Gallen als Wohn- und Dienstleistungsstando​rt mit der Fahrplanumstellung vom 9. Dezember 2018 aufs nationale Abstellgleis schiebt, wollen weder Politik, Medien noch öV-Phantasten wahrhaben.

(Quelle: https://www.dieostsch​weiz.ch/kolumnen/auf-​dem-abstellgleis-qGrg​o46)

Irgendwann wurde eine relativ gut funktionierende Abstimmung zwischen Fernverbindungen, S-Bahn und innerstädtischem Nahverkehr total aus dem Gleichgewicht gebracht. Der damalige zuständige Verkehrsminister, Beni Würth, wollte sich – wohl auch wegen seinen Ambitionen für höhere Weihen – bei den Nachbarkantonen gutfreundnachbarschaf​tlich positionieren.

Den Appenzellern wurde der Hof gemacht, indem man für die Weiterführung des Regioexpress von Konstanz nach Herisau den funktionierenden Viertel-Stundentakt des S-Bahnhofs Haggen opferte. Den Thurgauern überliess man es, die Verbindung Romanshorn - Zürich zu beschleunigen und das S-Bahn-Konzept zu optimieren.

Dafür nahmen die St.Galler in Kauf, dass die Fahrzeiten auf dem Strang Rorschach - St.Gallen - Zürich zeitlich so verschoben werden, dass sich in einer Art Kettenreaktion in Wil, Gossau und bei allen städtischen S-Bahnhöfen Einfahrkonflikte ergeben. Seither bleibt auf der St.Galler Seite kein Stein mehr auf dem anderen.

Mit dem Fahrplanwechsel 2019 kommt das ganze Flickwerk ans Tageslicht. Wer in den letzten Wochen seinen Arbeitsweg vom eigenen Wohnort über die Online-Fahrpläne abfragte, merkte bald, dass viele Verbindungen plötzlich schlechter funktionieren. Zwar wurde die Strecke St.Gallen HB – Zürich HB beschleunigt.

Die Zuliefersysteme Bus und S-Bahn können gerade im Raum St.Gallen und Wil keine reibungslosen Verbindungen mehr leisten. Warte- und Umsteigezeiten haben bei einigen Verbindungen plötzlich um 15 bis 20 Minuten zugenommen.

Als Stadtbewohner macht man ungewohnte Umwege über den Hauptbahnhof. Gesamtreisezeiten in Schweizer Zentren wie Zürich, Basel, Luzern oder Bern verlängern sich. Der Fahrplan 2019 bringt für die St.Galler vor allem Eines: Von den Stadtquartieren und Aussengemeinden werden viele Verbindungen mühseliger.

«20 Minuten länger je Weg ist ja nix!», sagen mir viele Mitbürger, wenn ich über das unwirksame öV-System in unserer Region wettere. Doch machen Sie diese einfache Rechnung: 230 (Arbeitstage) x 40 Minuten (Hin- und Rückweg) ergibt pro Jahr 9‘200 Minuten oder 6,4 Tage (à 24 Stunden).

Auf ein Arbeitsleben von 47 Jahren sind das satte 300 Tage, also fast ein Lebensjahr Lebenszeit. Für top ausgebildete Mitmenschen, aber auch Arbeitgeber, sind solche Verschlechterungen bei den Erschliessungsbedingu​ngen schlicht ein «No-Go».

Und gerade auch deshalb stagnieren in der Stadt St.Gallen die Arbeitsplätze bei den Unternehmensdienstlei​stungen sowie die Bevölkerungszahlen. Ein Standort, der nicht gut erreichbar ist, verliert Marktanteile.

Anstatt​ falscher Euphorie ist mit dem Fahrplanwechsel 2019 vor allem eines angesagt: rasch über die Bücher gehen und das Schlamassel wieder in richtige Bahnen lenken. Denn wir alle wünschen uns ein wirksames öV-System mit attraktiven Tür-zu-Tür-Zeiten. Dafür muss aber vorerst auf der St.Galler Seite – bei Stadt wie Kanton – aufgeräumt werden.


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