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Im Luxus lebend, frühere Generationen kritisieren

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Selber im Luxus le­bend, frühere Ge­ne­ra­tio­nen kritisieren          ​                     ​                   

Der ganz überwiegende Teil unserer Bevölkerung lebt im Vergleich mit der Mehrheit der Menschen, aber auch weltgeschichtlich, in einem einmaligen Luxus, merkt es aber gar nicht mehr. Viele sind übergewichtig, d.h. sie geniessen die unglaubliche Auswahl an Lebens- und Genussmitteln weit über das Nötige hinaus. Nicht wenige sind nicht mehr in der Lage, seelische oder körperliche Belastungen zu ertragen. Ganz selbstverständlich reisen heute die Menschen, auch die Jungen, in der Welt herum. An sich ist es sehr erfreulich, dass es gelungen ist, das während Jahrtausenden so schwere Leben der überwältigen Mehrheit der Menschen bei uns derart zu verbessern. Aber man müsste sich dessen bewusst bleiben, auch der Jahrhunderte extrem harter Arbeit in Armut, den oft tödlichen Kampf um Demokratie, Sozial- und Rechtsstaat und dann den Einsatz in der Armee, um Krieg vom Land fern zu halten. Am wichtigsten, man dürfte nicht vergessen, was es braucht, damit ein Staat, ein Volk überlebt. Das ist bei uns, zusammen mit dem Wissen, dass die Erde kein „lieber“ Planet ist, weitgehend verloren gegangen. Die Indianer in ihren Reservaten und viele andere untergegangene Völker und Staaten sind Mahnmale.

Der als gegeben angenommene Luxus hat zu einem eigentümlichen Verhalten geführt: Man kritisiert die Vergangenheit und weiss, wie man es damals so viel besser und menschlicher gemacht hätte, als es die Menschen vor langer Zeit taten. Es wäre deshalb gut, wenn die Kritiker früherer Generationen einen Winter lang so leben müssten, wie das die von ihnen kritisierten Generationen, im vorliegenden Fall die Kriegsgeneration, tun musste. Sie würden dann die damaligen Umstände begreifen und sehen, was unser Volk richtig machte.

In der Erinnerung des Verfasser sind seine Jünglingsjahre, in denen man besonders viel Nahrung braucht, besonders die der zweiten Kriegshälfte, eine Zeit des ständigen Gefühls nicht genug gegessen zu haben. Es gab zwar fast täglich geschwellte Kartoffeln à discretion, die nicht rationiert waren und im Wasser ohne Zutaten gekochtes Gemüse. Alles jeweils mangels Gas nur kurz angekocht und dann sehr lange in der „Kochkiste“ 1) in der eigenen Hitze gar gekocht.

Um den 20. Dezember 1944 waren die paar hundert Kilo Kohle, die es pro Haus noch gab und das Brennholz aufgebraucht. Das Elternhaus in Zürich konnte nicht mehr geheizt werden. Sämtliche Wasserleitungen und die Heizkörper der Zentralheizung froren ein, zahlreiche platzten unter dem Druck des Eises und das Restwasser floss in die Zimmer. Am 24. Dezember 1944 - es war draussen minus 15° kalt und im Haus nicht viel wärmer - feierte die Familie Weihnachten in dicken Winterkleidern, Mänteln, Handschuhe unter Eiszapfen, die von der Decke hingen. Die Reparatur brauchte angesichts der Materialknappheit zwei Wochen, auch weil viele Handwerker im Militärdienst waren. Solange lebte die Familie im Haus bei unter Null Grad.

Der Verfasser hat Kopien der Rationierungskarten des Junis 1943. Später waren die Rationen noch geringer. Selbstverständlich waren auch Schuhe, Seifen, Textilien, Velo-schläuche und Pneus, Kochgas, Benzin und Heizöl rationiert. Was waren so die täglichen Lebensmittelrationen pro Person? Zucker 16 Gramm, Konfitüre oder Kompott 8 Gr, Teig-waren 13 Gr, Hülsenfrüchte (Erbsen oder Bohnen oder Linsen und deren Mahlprodukte) 16Gr, Hafer oder Gerste oder Hirseprodukte und deren Flocken 8 Gr., Mehl oder Gries aus Brotgetreide oder Hartweizen oder Mais oder deren Flocken 13 Gr, Butter 3 Gr, Butter oder Speisefett oder Speiseöl 16 Gr oder 16 Milliliter, Schaleneier 0.1 Stück, Eipulver 3 Gr, Vollfettkäse oder andere Käsesorten 16 Gr., Fleisch, Fleischwaren und –Konserven 28 Gr, Brot und Backwaren (zu einem Drittel aus Kartoffeln bestehend und Fäden ziehend. Das Brot musste beim Verkauf mindestens 2 Tage alt sein) 225 Gr.

Für Genussmittel wie Kaffee, Tee, Confiserie sowie Schokolade gab es Punkte für extrem geringe Mengen. So trocknete man den Kaffeesatz und die Teeblätter nach dem Gebrauch und benützte sie nochmals. Man schätzte es, wenigsten 50 Gr Schokolade pro Monat zu bekommen.

Als junger Mensch musste man in den Sommerferien bei Bauern den für ungewohnte Städter sehr harten Landdienst machen (es gab praktisch keinen Treibstoff für Traktoren und Maschinen), statt als Jüngling irgendwo am Meer mit hübschen Frauen das Leben zu geniessen. Zu gewissen Zeiten musste man fast jede Nacht ins Stroh des Luftschutzkellers eilen, während man vom Krachen der schweren Fliegerabwehrgeschütz​e wach gehalten wurde und das tiefe Brummen der hoch vorbeifliegenden alliierten Bomberverbände hörte. Eingerahmt wurde das Bild durch das dauernd wache Gefühl der Bedrohung durch einen möglichen Angriff auf das Land. Zugegeben, es hätte schlimmer kommen können. Aber das war das Umfeld, in dem von den Verantwortlichen Entscheide gefällt werden mussten.

1) Kochkiste: Da besonders Haushalte mit Gaskochherden nur sehr wenig Gas zugeteilt bekamen, aber jedermann aufgerufen wurde, „Eintopfgerichte“ zu kochen, um Energie zu sparen, hatte praktisch jeder Haushalt eine „Kochkiste“. Diese hatte innen eine grosse, mit dünnem Metall ausgekleidete, grosse runde Öffnung, die wie ein Rohr senkrecht herunter ging. Der breite Raum rings herum bis an den Rand der Kochkiste war mit Isoliermaterial ausgekleidet. Was man kochen wollte, wurde auf dem Herd gekocht, bis das Wasser, in dem z.B. die Kartoffeln waren, kochte. Dann wurde der Topf mit den Kartoffeln im kochendem Wasser rasch in die Heizkiste gestellt und deren ebenfalls aus Isoliermaterial bestehender luftdicht schliessender Deckel verschlossen. Es dauerte sehr lange, bis man die dann gekochten Kartoffeln herausnehmen konnte. „Eintopfgerichte“ waren Speisen, deren Bestandteile, z.B. Kartoffeln mit Gemüse und vielleicht noch ein kleines Stück Fleisch zusammen im gleichen Topf gekocht wurden.

Gotthard Frick, Bottmingen


Kommentare von Lesern zum Artikel

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Emil Huber sagte January 2018

"Als junger Mensch musste man in den Sommerferien bei Bauern den für ungewohnte Städter sehr harten Landdienst machen"

Und heutzutage machen die Leute statt harten Landdienst harten Sport.
Nutzen vom harten Sport vs. hartem Landdienst?


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80%
(5 Stimmen)
Giorgio Plaz sagte January 2018

Ich zum Beispiel kritisiere die früheren Generationen ja gar nicht.

Wenn ich mir die wirtschaftliche Situation von heute anschaue, gehe ich davon aus, dass die Schweiz abzüglich Pharmasektor und weniger Konzerne mehr importiert, als exportiert - vor allem Grundnahrungsmittel, Rohstoffe und fixfertig raffinierte Produkte (Kleider bis Computer).
Ob die politische Führung im Kriegsfalle eine Rationierung wie im letzten Krieg überhaupt wieder hinbekäme, ist fraglich.

Noch eine Frage:
>> während man vom Krachen der schweren Fliegerabwehrgeschütz​​e wach gehalten wurde

Worauf haben die Flak Soldaten da genau gezielt?



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