Sprache: F

Einfach, schnell und neutral informiert

Abstimmung 28.02.2016: „Keine Spekulation mit Nahrungsmitteln"

In der modernen, globalisierten Welt wird praktisch mit allem gehandelt, was es überhaupt gibt. Die internationale Verstrickung der Märkte macht dies möglich. Rohstoffe wie Gold und Öl werden seit langem auch deshalb gehandelt, um durch Preisveränderungen Gewinne zu erzielen. Nun findet diese Spekulation auch mit Nahrungsmitteln und sogenannten Agrarrohstoffen statt. Da diese Stoffe der Ernährung von Menschen und Tieren dienen, wird deren spekulativer Handel von vielen als kritisch betrachtet. Dies auch deshalb, weil deren Handel einen Einfluss auf den Preis von Nahrungsmitteln und Agrarrohstoffen haben soll. Die Initiative „Keine Spekulation mit Nahrungsmitteln!“ will deshalb diesen Handel einschränken.

Ziel der Initiative

Die Initiative verlangt, den Handel mit gewissen Rohstoffen auf dem Schweizer Finanzplatz stark einzuschränken. Ziel ist es, die Spekulation mit Agrarrohstoffen und Nahrungsmitteln für Händler mit Sitz in der Schweiz zu verbieten. Dadurch sollen die Preise für diese Stoffe auf internationalen Märkten weniger schwanken. Schlussendlich soll ermöglicht werden, dass Entwicklungsländer dank stabileren und tieferen Preisen beständigere Erlöse aus dem Rohstoffhandel und einen besseren Zugang zu Nahrungsmitteln haben.

Ausgangslage

In den letzten Jahren unterlagen Agrarrohstoffe und Nahrungsmittel starken Preisschwankungen. Diese Schwankungen schaffen Unsicherheit bei Produzenten und Konsumenten. Es ist deshalb schwierig zu sagen, wie teuer gewisse Nahrungsmittel beispielsweise in einem Jahr sein werden.

Laut den Initianten haben diese Schwankungen mit den Warenterminmärkte zu tun. Warenterminmärkte sind Märkte, bei denen der Kauf oder Verkauf eines Gutes in der Zukunft abgemacht wird. Ein Beispiel ist ein Bauer, der sich verpflichtet, in einem Jahr von seinem Nachbarn eine Tonne Kartoffeln zu einem jetzt bestimmten Preis zu kaufen. Diese Warentermingeschäfte für Nahrungsmittel und Agrarrohstoffe sind seit der Jahrtausendwende sehr beliebt. Durch die Öffnung von Weltmärkten und dem Onlinehandel war Handel mit diesen Gütern auf einmal auf breiter Ebene möglich. An dieser Stelle muss zwischen zwei Handelsformen unterschieden werden.

Einerseits werden Nahrungsmittel und Agrarrohstoffe auf Spotmärkten (Handel und Bezahlung erfolgen sofort) gehandelt. Die Produkte werden dort von Produzenten und Verarbeitern oder Endabnehmern zu bestimmten Preisen ver- und gekauft. Die Spotmärkte sind auf der ganzen Welt verteilt und haben keine einheitlichen Preise. Bspw. kann der Preis für Weizen im Westen der USA tiefer sein als auf dem Spotmarkt im Osten der USA. Preise werden durch die lokale Angebots- und Nachfragesituation bestimmt.

Andererseits werden Rohstoffe über die bereits erwähnten Terminmärkte gehandelt. Solche Termingeschäfte bieten Sicherheit für Produzenten, da sie dann wissen, dass sie ihre Ware in Zukunft verkaufen können. Zudem sind die Bedingungen bekannt, da die Handelspartner den Preis im Vorhinein bestimmt haben. Die Preise auf den Terminmärkten sind im Gegensatz zu den Spotmärkten vereinheitlicht, also überall in etwa gleich. Ihre Preise ergeben sich aus der internationalen Nachfrage- und Angebotssituation.

Bei den Termingeschäften sind zwei Arten von Händlern aktiv. Zum einen sind dies die kommerziellen Händler. Diese Händler handeln mit physisch vorhandenen Nahrungsmitteln und Agrarrohstoffen.

Im Gegensatz dazu handeln nichtkommerzielle Händler mit virtuellen, nicht-existierenden Rohstoffen. Sie spekulieren auf die künftigen Preise der Produkte. Gehandelt wird dabei mit sogenannten Derivaten. Derivate sind Finanzprodukte, welche in diesem Fall von den Preisen von Nahrungsmitteln und Agrarrohstoffen abhängig sind. Der Preis eines Derivates hängt also vom Preis des damit verbundenen Produktes ab. Einfach gesagt sind Derivate eine Art Wettschein. Man kann bspw. darauf wetten, ob der Preis für eine bestimmte Menge Mais in Zukunft steigt oder fällt. Liegt man richtig, wird ein Gewinn erzielt. Liegt man falsch, wird ein Verlust eingefahren. Solche Geschäfte werden oft von Anlegern genutzt, welche an sich gar nichts mit der Nahrungsmittel- oder Agrarrohstoffindustrie zu tun haben (bspw. Banken oder gewisse Versicherungen).

Die Schweiz ist ein grosser Umschlagplatz für solche Güter und spielt eine wichtige Rolle auf dem Weltmarkt. Beispielsweise läuft etwa die Hälfte des weltweiten Kaffee- und Zuckerhandels über die Genfersee-Region. Dort haben mehrere Handelsfirmen, spezialisierte Banken und Warenprüfkonzerne ihren Geschäfts- und Handelssitz.

Auswirkungen

Die neue Regelung soll jegliche Art von Spekulationen von institutionellen Anlegern wie Banken, Privatversicherungen und Vermögensverwaltern mit diesen Gütern verbieten. Dies gilt für Anleger mit Sitz oder Niederlassung in der Schweiz.

Händler und Produzenten von Nahrungsmitteln und Agrarrohstoffen dürfen jedoch weiterhin Termingeschäfte abschliessen, um sich abzusichern. Solange eine Vertragspartei ein Geschäft zur Absicherung abschliesst, ist dies erlaubt. Dies gilt auch dann, wenn die andere Partei mit dem Geschäft spekuliert.

Für manche Unternehmen mit Sitz oder Niederlassung in der Schweiz hätte diese neue Gesetzgebung starke Auswirkungen.

Beispielsweise dürften Banken mit Sitz oder Niederlassung in der Schweiz nur noch mit Agrarrohstoffen oder Nahrungsmitteln handeln, wenn sie nachweisen können, dass das Geschäft der Absicherung dient (keine Spekulationsgeschäfte mehr in der Schweiz). Für Banken mit Hauptsitz in der Schweiz würde dies sogar weltweit gelten.

Auch Agrar-Handelsfirmen und jegliche andere Investoren in solche Produkte müssten Absicherungsnachweise liefern, um weiter im spekulativen Markt in der Schweiz handeln zu können.

Argumente dafür

Spekulationsgeschäfte würden für Preisentwicklungen sorgen, welche nicht dem eigentlichen Wert der Produkte entsprächen. Dadurch entstünden Schwankungen, denen vor allem die Bevölkerung von Entwicklungsländern ausgesetzt sei. Auf diese Länder würden solche Schwankungen destabilisierend wirken.

Die totale Liberalisierung des Agrarrohstoffmarkts führe zu unhaltbaren Bedingungen für Kleinbauern und würde durch das Tolerieren von Spekulationsgeschäften unterstützt.

Die Schweiz als Finanzplatz böte die Rahmenbedingungen für solche Geschäfte. Da das Schweizer Stimmvolk nicht direkt den globalen Agrarrohstoffmarkt regulieren kann, solle bei uns begonnen und somit ein Zeichen gesetzt werden.

Argumente dagegen

Es gebe keinen klaren kausalen Zusammenhang zwischen den Nahrungsmittelproblemen der Entwicklungsländer und der von der Initiative verbotenen Geschäfte. Für die bisherigen hohen Preise seien tiefe Lagerbestände, Korruption und Wettereinflüsse (Dürren) verantwortlich.

Wenn Spekulationsgeschäfte in der Schweiz verboten werden würden, hätte dies kaum Auswirkungen, da sich die wichtigsten Terminbörsen im Ausland befänden. Wenn solche Geschäfte in der Schweiz nicht mehr getätigt werden könnten, würden sie einfach ins Ausland verlagert.

Die neue Regelung störe den Finanzplatz Schweiz. Ohne funktionierende Finanzmärkte seien Investitionen in die Landwirtschaft nicht möglich.


Literaturverzeichnis [ ein-/ausblenden ]


Text weiterempfehlen:  

Jetzt informiert bleiben!

Jetzt ein­tragen und im­mer ein­fach und sch­nell infor­miert sein!

Tra­gen Sie jetzt Ihre E-Mail­adres­se ein und wir infor­mieren Sie sobald ein neuer Text von Vimentis zu aktuellen poli­tischen Themen er­scheint. Damit sind Sie im­mer auf dem laufen­den.

Text bewerten:

Sie haben den Text gelesen?
Bitte bewerten Sie ihn, damit wir unsere Qualität weiter sichern können. Danke!

Neutralität:
Einfachheit:
Gesamthaft:
Verbesserungsvorschläge / Feedback
optional
Einfach erklärt

Agrarrohstoffe

Dies sind Roh­stof­fe, wel­che aus land­wirt­schaft­li­cher Pro­duk­tion stam­men und als Nah­rungs­mit­tel, Tier­nah­rung oder nach­wach­sende Treib­stoffe ver­wen­det wer­den. Milch, Bau­holz, Pal­möl, Kaf­fee, But­ter, Schwei­ne- und Rind­fleisch und di­verse an­dere Pro­dukte zählen zu den Agrar­roh­stof­fen. Sie wer­den auch “­Soft Com­mo­di­ties” genannt.

“Finanzialisierung”

Mit Fi­nan­zia­li­sie­rung ist an die­ser Stelle die Ent­wick­lung der Wa­ren­ter­min­märkte ge­meint. Die in­ter­na­tio­nale Ver­stri­ckung der Märkte und der zu­neh­mende Han­del mit nicht­phy­si­schen Pro­duk­ten sind die Haupt­ent­wick­lun­gen der Nah­rungs­mit­tel- und Agrarrohstoffmärkte.

Spekulation

Spekulationsgeschäfte nennt man den Kauf von bspw. Ak­tien mit der Hoff­nung, dass man sie zu einem späte­ren Zeit­punkt teu­rer ver­kau­fen kann. Bei Spe­ku­la­tio­nen mit Nah­rungs­mit­teln funk­tio­niert dies gleich. Man wet­tet so­zu­sa­gen auf stei­gende oder fal­lende Prei­se. Da die künf­ti­gen Preise nicht genau vor­her­ge­sagt wer­den kön­nen, wer­den Ver­mu­tun­gen darü­ber an­ge­stellt. Schlus­send­lich kann bei sol­chen Spe­ku­la­ti­ons­ge­schäf­ten ge­won­nen oder ver­lo­ren werden.

Zusammenfassung

Ziel der Vorlage

Spekulative Ge­schäfte mit Agrar­roh­stof­fen (Ka­kao, Ge­trei­de, ...) sol­len ver­hin­dert wer­den. Da­durch sol­len die Preise auf den glo­ba­len Roh­stoff­märk­ten we­ni­ger stark schwan­ken und Nah­rungs­mit­tel er­schwing­li­cher werden.

Wichtigste Änderungen

Banken, Pri­vat­ver­si­che­run­gen, Ef­fek­ten­händ­ler und wei­tere Ver­mö­gens­be­ra­ter mit Nie­der­las­sung in der Schweiz dür­fen nicht mehr in spe­ku­la­tive Ge­schäfte in­ves­tie­ren, die sich auf den Agrar­roh­stoff­markt und den Nah­rungs­mit­tel­markt be­zie­hen. Sie dür­fen bei sol­chen Ge­schäf­ten auch nicht als Ver­mitt­ler dienen.

Argumente der Befürworter

Spekulation führe zu Markt­ver­sa­gen (Preise für Le­bens­mit­tel ent­spre­chen nicht dem Re­al­wer­t). Durch sol­che Ge­schäfte könn­ten un­natür­li­che Höchst­preise ent­ste­hen, die am Ende von den ärms­ten Mit­glie­dern un­se­rer Ge­sell­schaft ge­tra­gen wür­den. Die ex­zes­sive Be­rei­che­rung ei­ni­ger we­ni­ger durch Han­del mit Nah­rungs­mit­teln auf Kos­ten vie­ler sei per­vers und nicht nach­hal­tig.

Argumente der Gegner

Ein kau­sa­ler Zu­sam­men­hang zwi­schen den zu ver­bie­ten­den Ge­schäf­ten und Hun­ger­lei­den in Dritt­welt­län­dern sei nicht klar be­wie­sen. Das Ver­wei­sen von Le­bens­mit­tel­spe­ku­lan­ten aus der Schweiz würde kei­nen gros­sen Ein­fluss auf die in­ter­na­tio­nale Spe­ku­la­tion mit Le­bens­mit­teln ha­ben, da die Spe­ku­lan­ten dann ein­fach von an­de­ren Län­dern aus agie­ren wür­den.

Kommentare von Lesern zum Artikel

[ Neuen Kommentar verfassen ]

Noch keine Beiträge vorhanden. Schreiben Sie den ersten!

Neuen Kommentar verfassen

Sie müssen als User, Newsletter-Abonnent oder Gönner von Vimentis oder bei Facebook registriert sein, um auf diese Seite zugreifen zu können. Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich kostenlos:

Auf Vimentis direkt einloggen..
 
 ... oder mit Ihrem Facebook-Account
 
E-Mailadresse:
Passwort:

Haben Sie Ihr Passwort vergessen?