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Das Hauptproblem der Schweiz

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Dieser Ar­ti­kel er­schien An­fang 2012 in ZEIT-FRAGEN, einer klei­ne­ren Wo­chen­zei­tung, und auf der Web­page der GRUPPE GIAR­DI­NO.


Mehr Selbstvertrauen und strategisches Denken.

Mit der Hälfte der Bevölkerungszahl Pekings, ohne Rohstoffe und ohne direkten Zugang zum Meer gehört  die Schweiz zu den weltweit führenden Wirtschafts-

mächten​.  Mit den Alpentransversalen sind wir auch noch Besitzer eines Elementes von gesamteuropäische​r strategischer Bedeutung und die Alpen sind ein militär-isch relativ leicht zu haltendes Bollwerk. Und schliesslich haben wir ein grossartiges demokratisches  System. 

Wir hätten also allen Grund, uns als selbstbewusstes, starkes Land zu sehen und unseren Nachbarn und der Welt gegenüber auch entsprechend aufzutreten (ohne gleich in Arroganz und Überheblichkeit zu fallen). 

Aber wir haben ein Doppelproblem, dass unsere gegenwärtigen Schwierigkeiten zu hause und in der Welt, unter anderem mit Deutschland betreffend den Flugplatz Kloten oder mit den USA und verschiedenen anderen Ländern wegen des Dauerbrenners Finanzplatz erklärt. Wir haben einen kollektiven Minderwertigkeitskomp​lex und sind offensichtlich  unfähig, strategisch​, d.h. langfristig und in grossen Zusammenhängen, zu denken. 

(Allerdings​ hielt der Verfasser das Geschäfts“modell“ des Finanzplatzes,  dass fremden Staatsbürgern aktiv beim Betrughilft, noch nie für ethisch vertretbar oder nachhaltig. Auch die aus dieser Branche kommende, zum Schweizer Selbstverständnis nicht passende Masslosigkeit und die teilweise Mutation zu einem für die Wirtschaft in keiner Weise  nützlichen Spielcasino lehnte er schon immer ab. Das hat aber mit dem jeweils raschen Einknicken der Schweiz, z.B. mit dem Verzicht  zu fordern, dass  auch die USA ihre Steuerschlupflöcher schliessen, nichts zu tun).

Der Minderwertigkeitskomp​lex drückt sich manchmal auch sichtbar aus. Wer erinnert sich nicht an das peinliche Bild von Bundesrat Merz, der den möchte-gern Kavalleriegeneral Peer Steinbrück anhimmelte​?  Weniger aufgefallen, da nur in einer sehr kurzen Sequenz des Fernsehens sichtbar, aber deswegen nicht weniger sprechend und unannehmbar, war die Verbeugung der damaligen Bundesp​räsidentin Leuthard vor Präsident Sarkozy anlässlich ihres Besuches in Paris. Staatspräsiden​ten stehen auf der gleichen Stufe und verbeugen sich nicht. Wenn sich schon jemand hätte verbeugen dürfen, dann der Mann Sarkozy vor der Frau. Er hätte damit nicht Unterwürfigkeit, sondern galante Manieren ausgedrückt. 

Dazu scheint, dass sämtliche Politiker, vom Bundesrat bis zu den Mitgliedern der eidgenössischen Räten unfähig sind oder keine Zeit haben, in grösseren Zusammenhängen zu denken. Nimmt sich der Bundesrat manchmal die Zeit, über die mögliche langfristige Weiterentwicklung der Welt zu diskutieren, die verschiedenen wahrsch​einlichen und möglichen Szenerien und deren  Auswirkungen auf unser Land in Betracht zu ziehen und darauf fussend die Gesamtstrategie festzulegen?  Glaubt man Aussagen sehr prominenter ParlamentarierInnen, so haben unsere Volksvertreter schon lange keinen Ueberblick mehr. Jeder befasst sich mit seinen wenigen punktuellen Spezialthemen, ohne jeglichen Bezug zu einem Gesamtbild, und arbeitet darüber hinaus in erster Linie an seiner nächsten Wiederwahl.  Weiter befinden sich die meisten Deutschschweizer Politiker ausländischen Gesprächspartnern gegenüber in einer  Position der Schwäche, weil sich kaum einer mündlich gut ausdrücken kann (Gottseidank haben wir noch die Romands, die ihre Sprache beherrschen).​

Warum lassen wir uns z.B. von einem Nachbarn die Diskussion um ein punktuelles Thema aufzwingen, wie den Luftverkehr beim Flughafen Kloten, und verbinden es nicht mit dem grossen Thema des Verkehrs im Allgemeinen (Schiffsverkehr, Strassenverkehr, Luftverkehr, Eisenbahnverkehr, einschliesslich Streckenausbau auf deutscher Seite zur Aufnahme des Zusatzverkehrs durch den neuen Gotthardtunnel)? Warum schliessen wir alle diesbezüglichen Fragen nicht in ein allgemeines Verkehrsabkommen oder wenigstens in umfassende Verhandlungen ein, denen eine gesamtstra​tegische Zielsetzung zu Grund liegt? Im Rahmen  von Verhandlungen liessen sich dann die Lärmbelastung und die Begasung der Bevölkerung z. B. in den Kantonen Uri und Tessin durch deutsche Lastwagen und Autos mit der Fluglärmbelastung der Bevölkerung Süddeutschlands aufre​chnen.  Man kann nämlich nicht nur den Luftverkehr  einseitig einschränken.

Es wird Zeit für eine Grundsatzdiskussion zum eidgenössischen Minderheitskomplex und der Unfähigkeit strategisch zu denken, sonst könnte die Zukunft unseres Landes noch schwieriger werden, als sie es wahrscheinlich ohnehin wird.

Gotthard Frick, Bottmingen


Kommentare von Lesern zum Artikel

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67%
(6 Stimmen)
Hans-Jacob Heitz sagte May 2012

Natürlich trifft diese Analyse zu; die Frage ist nur wie diesen unbefriedigenden Umständen beizukommen wäre? Mit den traditionellen Parteien und deren Splitterparteien GLP und BDP sehe ich hier keine Chance, es bedarf vielmehr einer neuen politischen Kraft! Wir versuchten dies 2011, leider ohne Erfolg, denn es fehlte am nötigen Geld und die Medien ignorierten uns!


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