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Die Vulva ist ein öffentlicher Raum

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Das ist das Ni­veau des Feuil­le­ton-­Teils der NZZ - Ist das Kunst?

 

Die Vulva ist ein öffentlicher Raum

 

Der männliche Blick hat die weiblichen Klischees bestimmt. Heute entscheiden Künstlerinnen über ihr Selbstbild

 

NZZ vom Freitag, den 28.12.2018; von Daniele Muscionico (D.M.)

 

Der wissenschaftliche Blick von Heji Shins Röntgenbildern geht unter die Haut, aber das Geheimnis des Privaten zeigt er nicht.

Die Röntgenkunst der Künstlerin verweist auf die physische und psychische Verletzlichkeit der Schöpfung.Bilder Galerie Buchholz

 

Ihre Vulva sieht wie eine gekochte Tomate aus, wenn Pipilotti Rist mit ihrer Kamera über ihr Geschlecht fährt. «Ginas Mobile» heisst das genial-genitale Video von 2000, spätestens damals war die Zeitwende erreicht, und wir wussten: Scham als Zensor ist bedeutungslos. Seit dem Fall der Mauer, die Öffentliches und Privates trennt, machen Künstlerinnen Intimität zum Gegenstand ihrer Kunst.

 

Der Weg dahin war freilich lang und beschwerlich. Nicht nur dass es bis Ende des letzten Jahrhunderts keine weibliche Kunstgeschichtsschrei​bung gab. Es fehlte an viel Grundsätzlicherem als an Vorbildern. In ihrem Essay «A Room of One’s Own», den Virginia Woolf 1929 ursprünglich für Studentinnen der Universität Cambridge verfasste, benannte die Schriftstellerin die Voraussetzungen für Frauen, um in der viktorianischen Gesellschaft «grosse Literatur» zu schaffen. Die Bedingungen, von ihr ironisch verknappt, lauteten: ein Einkommen von 500 Pfund jährlich sowie ein Zimmer für sich allein. Um kreativ zu sein, forderte Woolf für ihre Zeitgenossinnen sowohl materielle als auch geistige Unabhängigkeit.

Wie frei ist der weibliche Blick?

 

Jahrhunderte​lang standen in der Kunst die Spielregeln fest: Männer bilden Frauen ab, nackt oder halb nackt, und wenn verschämt verhüllt, dann doppelt verführerisch. Der männliche Blick bestimmte, wie Frauen zu sein hatten. Dieses Privileg ging im letzten Jahrhundert in die Brüche. Mit der Erfindung des Mediums Fotografie – sie etablierte sich ausserhalb des Kanons und stand deshalb auch Frauen offen –, doch spätestens seit sich in der Malerei immer mehr Künstlerinnen selbst in Szene setzen, hat eine Neubewertung des Weiblichen begonnen. Ihr Blick scheint deutend um das Geheimnis des Lebens zu kreisen. Doch wie frei ist der weibliche Blick wirklich? Wie sehr ist er besetzt von der Pathologie, das Eigene, das Intime in Grossformat abfeiern zu müssen?

 

Denn wenn Künstler heute an sich heruntersehen, in die Kamera oder auf die Leinwand blicken, ist der Phallus höchstens in der homoerotischen Kunst ein Topos. Das Gegenteil ist bei Künstlerinnen der Fall, auffallend oft thematisieren sie Intimes: Ehedem Verruchtes, Verfluchtes – und Überhöhtes – wie Geschlechtsorgane sind die Superstars.

 

Doch Frauen verbinden die eigene Intimität nicht mit dem Besitzerstolz der Männer auf ihren Phallus oder mit dem Leistungsdenken dahinter. Die Veröffentlichung des Intimen ist der letzte emanzipatorische Schritt: Jetzt reden wir davon, worüber in der Vergangenheit nur männlich gesprochen wurde! Weibliche Kunst findet eine Bestätigung und Erfüllung darin, das Private und das Sexuelle zu veröffentlichen und als Stärke zu benennen. Sie zeigt: Unter der Oberfläche der Haut liegt die Kraft, die Welten verändert und schafft.

 

Künstlerin​nen bewerten das Weibliche neu und führen es der Öffentlichkeit vor Augen als eine schöpferische Quelle. Als Pipilotti Rist 2000 am Times Square in New York die grösste Leinwand bespielte, lenkte sie den Blick auf das intimste und stillste Örtchen überhaupt: auf die Kloschüssel. Doch Rists Kunst ist urdemokratisch. Anlässlich ihres New-York-Statements bezog sie ihr Publikum in den Hype von Wertschöpfung mit ein. In der Luhring Augustine Gallery, wo Rists Ideen zu Geld werden, ermächtigte sie jedermann, stolz zu sein auf die eigene Produktivität. Sie installierte in den Urinalen beider Geschlechter Videokameras und hielt die produzierten Geschäfte samt den beteiligten Körperöffnungen in Ton und Bild fest.

 

Rists Vulva, oder die ihrer Protagonistinnen, ist ein öffentlicher Raum. Die Veröffentlichung der Geschlechtsorgane scheint für zeitgenössische Künstlerinnen inzwischen so selbstverständlich zu sein wie in der Generation ihrer Mütter der Griff zum Staubtuch: Was eine gute Hausfrau war, putzte für die Familie ordentlich die Toilette. Was eine erfolgversprechende Künstlerin ist, filmt sich beim Urinieren. Die südafrikanische Malerfürstin Marlene Dumas etwa, die sich gerne auf der Toilette malt, sagte einmal: «Es ist okay, das zweite Geschlecht zu sein, es ist okay, Zweitbeste zu sein. Ich male, weil ich eine altmodische Frau bin und an Hexerei glaube. Wenn ich nicht an die Hexenkraft des Pinsels glaubte, würde ich nicht malen, sondern Staub saugen.» Dumas Aquarelle sind ein fast hautähnlicher Gegenpol zum voyeuristischen Bild der Medien von Frauen. Rists Kunst verhält sich demgegenüber grosszügiger. Sie bedient den Voyeur gerne mit, denn sie weiss: Dem weiblichen Geschlecht wohnt Kraft in einem grenzenlosen Mass inne, dass daran jedermann teilhaben kann.

Echter Sex vor der Kamera

 

Einen Schritt weiter als bis an die eigene Haut geht die deutsch-koreanische Fotografin, die jetzt in der Kunsthalle Zürich zum ersten Mal in der Schweiz zu sehen ist: Heji Shin. Die Künstlerin wurde bekannt, als sie junge Paare beim Geschlechtsakt fotografierte. Die Geschlechtsteile wurden später derart grob gepixelt, dass sie die Aufmerksamkeit explizit auf sich zogen. Das Pikante dabei: Die Bilder waren Teil einer Werbekampagne, die das New Yorker Modelabel Eckhaus Latta in Auftrag gegeben hatte. Letzten Herbst war das Modehaus mit seinen Kampagnen sogar ins Whitney Museum in New York eingeladen.

 

Heji Shin stellt in ihren Bildern die Frage nach Intimität, doch sie macht nicht halt an ihrer Haut, sie geht darunter: Sie lässt sich durchleuchten und stellt die Röntgenaufnahmen ihrer Brustbilder aus. Mit auf dem Bild sind Hunde, ein Mops, eine Bulldogge, ein Chihuahua, die Anatomie macht den Unterschied. In der Transparenz ihrer Röntgenkunst verweist Shin auf die physische und psychische Verletzlichkeit der Schöpfung. Eine Lichtwellenlänge, die nicht gesehen werden kann, soll Unsichtbares sichtbar machen. Doch wer eine intime Enthüllung erwartet, wird enttäuscht. Der wissenschaftliche Blick verhindert das Geheimnis des Privaten. Intimität entzieht sich dem Willen, ihrer habhaft zu werden. Die Suche nach dem letzten Geheimnis des Ich scheitert, wenn auch magisch schön. Doch ihr Akt des Sich-Sehens ist eine Art von Autoerotik, die aus sich selbst die Befriedigung zieht: Heji Shin hat Lust am eigenen Ich. Mit ihrem Blick lädt sie ein, die eigene Lust zu entdecken.

 

Kunsthal​le Zürich: Heji Shin, bis 3. 2. 2019.


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