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Kinderarmut im Kanton Zürich?

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Bereits zum zwei­ten mal ver­öf­fent­licht map-F einen Be­richt zu den Aus­wir­kun­gen der So­zi­al­hil­fe­ge­se​tzän­de­rung im Kan­ton Zürich per März 2018. Map-F ist ein un­ab­hän­gi­ger Ver­ein, der voll­um­fäng­lich durch Mit­glie­der­bei­träg​e sowie Spen­den fi­nan­ziert wird. Nebst der Ge­schäfts­lei­tung en­ga­giert sich der Ver­eins­vor­stand auf frei­wil­li­ger Ba­sis. Als Ko­ope­ra­ti­ons­part​­ner mit je einer Ver­tre­tung im Ver­eins­vor­stand sind die drei Or­ga­ni­sa­tio­nen Frei­platz­ak­tion Zürich, das So­li­da­ritäts­netz (So­li­netz) Zürich und die SP Stadt Zürich. 

Der Fokus des Berichts von map-F liegt auf den Auswirkungen des Sozialhilfestopps vom 1. März 2018 auf vorläufig aufgenommene Kinder und Jugendliche. "Kinder und Jugendliche stellen einen besonders verletzlichen Teil der Bevölkerung dar, deren spezifischer Schutz und Entwicklungsförderung​ in der Bundesverfassung verankert ist (Art. 11 BV). Die 1997 von der Schweiz ratifizierte UN-Kinderrechtskonven​tion unterstreicht, dass alle Kinder zudem von Diskriminierung zu schützen sind und für alle unabhängig vom Aufenthaltsstatus die Kinderrechte Anwendung finden." steht in der Einleitung. Es wird darauf hingewiesen, dass der ausbezahlte Grundbedarf in zahlreichen Gemeinden so tief ist, dass es für die Befriedigung der Grundbedürfnisse kaum mehr reicht, in einigen Gemeinden mussten Betroffene von Wohnungen in Kollektivunterkünfte umziehen, gestrichene Beiträge für Integrationsprogramme​ in etlichen Gemeinden erschweren den Zugang zu Deutschkursen oder beruflichen Integrationsprogramme​n. Die soziale und berufliche Integration der Betroffenen sei erschwert. 

Die Zürcher Stimmbevölkerung hat am 24. September 2017 an der Urne entschieden, dass vorläufig Aufgenommene von der Sozialhilfe ausgeschlossen werden und die massiv tiefere Asylfürsorge erhalten. Der Entscheid wurde per 1. März 2018 umgesetzt. Im Bericht wird festgehalten, dass mit dem Ausschluss aus der Sozialhilfe von vorläufig aufgenommenen Personen es sich nicht nur um eine Kürzung von Unterstützungsleistun​gen, sondern um einen Systemwechsel handle. Eine Personengruppe, die mehrheitlich für immer in der Schweiz bleibe, werde neu nach einem System unterstützt, das bisher nur als Übergangslösung zum Einsatz kam: sie war für die Unterstützung von Asylsuchenden für die Dauer ihres Asylprozesses gedacht. 

Laut SEM sind über 60% der anerkannten Flüchtlinge und der vorläufig aufgenommenen Personen unter 26 Jahre alt. Mit Verweis auf Dr. jur. Pascal Coullery wird auch die Frage aufgeworfen, ob die Kürzung der Unterstützung für eine Personengruppe nicht gegen das Diskriminierungsverbo​t (Art. 8 Abs. 2 BV) verstösst. 

Der Bericht hält fest, dass die Asylfürsorge ungenügend definiert ist - auf Kosten des Wohls aller Betroffenen und inbesondere jenem von Kindern. 

Im Verlauf der Abstimmung wurde darauf hingewiesen, dass die massiven Kürzungen mit dem Wechsel von der Sozialhilfe zu der Asylfürsorge, einen Anreiz schaffe den Zugang zum Arbeitsmarkt zu finden. Das Gegenteil scheint nun der Fall zu sein. Der Wechsel von Wohnungen in Kollektivunterkünfte führt zu einer schlechteren sozialen Integration und zu einem erschwerten Zugang zum Arbeitsmarkt.

"Jugend​liche berichten gegenüber map-F,  dass Lehrbetriebe, bei denen sie sich bewerben, sie aufgrund ihres Status ablehnen". Eine Erfahrung welche ich leider auch in meiner Tätigkeit oft feststelle. Der Ausweis F und die vorläufige Aufnahme verunsichert potentielle Arbeitgebende. 

Der Bericht zieht folgende Schlussfolgerungen: (Auszug)

Dieser Bericht zeigt auf, dass die Asylfürsorge für Kinder und Jugendliche Rahmenbedingungen schafft, welche das Kindeswohl und die Kinderrechte gefährden sowie ihre persönliche Entwicklung beeinträchtigen. 

Wir​ konnten in diesem Bericht aufzeigen, dass bereits die SoKo-Empfehlungen für die Höhe der Asylfürsorge eine gesellschaftliche Teilhabe und nachhaltige wirtschaftliche Unabhängigkeit vorläufig Aufgenommener verunmöglicht. Dass auf Grund der Gemeindekompetenzen bei Asylfürsorge diese Empfehlungen in zahlreichen Gemeinden weiter unterschritten werden, sichert Betroffenen grad noch ihr Überleben, von Integrationsmöglichke​iten kann jedoch nicht die Rede sein. 

Dies wiederspricht dem gesetzlichen Integrationsauftrag sowie den Zielen der Integrationsagenda des Bundes, welche die Kantone beauftragt in die berufliche und soziale Integration auch von vorläufig Aufgenommenen, insbesondere vor und nach der obligatorischen Schulzeit zu investieren. 

Die geschilderten Fälle aus der Beratungspraxis von map-F zeigen die unmittelbaren Folgen der Asylfürsorge auf Kinder und Jugendliche auf:

  • psychische Belastung durch den unsicheren Status, einengende Wohnverhältnisse und finanzielle Sorgen
  • Belastung des Familiensystems
  • Beein​trächtigung der physischen Gesundheit durch mangelnde Ernährung und fehlende Bewegungsmöglichkeite​n
  • Sozialer Ausschluss durch die finanziellen Hürden beim Zugang zu Freizeitangeboten und unerschwinglichen Transportkosten
  • Ersch​werte Umstände, um sich auf die Schule zu konzentrieren
  • Hürden beim Berufseinstieg durch erschwerten Zugang zu post-obligatorischer Bildung und Berufsintegrationspro​grammen sowie erschwerende Voraussetzungen beim Wohnen und der finanziellen Situation.
  • Ungleichbe​handlung von MNA aufgrund ihres Status innerhalb derselben Institution und allgemeiner Leistungsabbau in der Betreuung und Versorgung dieser Jugendlichen

Ich habe mir erlaubt hier einige mir wichtig erscheinenden Aussagen des Berichts wiederzugeben. Der gesamte Bericht: http://map-f​.ch/wp-content/upload​s/2019/04/Bericht-map​-F_Kinder-und-Jugendl​iche-2.pdf?fbclid=IwA​R3tA1THaB1Cx2L7aRiIgp​AkVVlh3T2JHaiS197tlGi​-lmvrVlPdF9Db7xU

Am 19. Mai 2019 stimmt die Berner Stimmbevölkerung über das revidierte Sozialhilfegesetz des Kantons Bern ab. Bei einem JA würde der Grundbedarf insgesamt um 8 Prozent gekürzt, für einzelne Personengruppen bis zu 30 Prozent. Sanktion statt Motivation!

Am 20 Oktober 2019 wählt die Schweizer Bevölkerung ein neues Parlament. Auch da hat es die Bevölkerung in der Hand, in welche Richtung es in Sachen Sozialabbau gehen soll.

 


Kommentare von Lesern zum Artikel

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20%
(5 Stimmen)
Alex Müller sagte Vor 15 Tagen

Jeder der dafür ist, dass ein Mensch mit Fr.8.- / Tag "gut" leben kann, soll es doch selber probieren!
Der erste Tag gelingt sicher, denn da ist er ja noch gut ernährt von früher. Der Zweite tag wird auch noch gehen vorausgesetzt, man hat gerne Päcklisuppen (Fr. 3.60). Ruchbrot (Fr.3.90) Bleiben noch Fr. 1.20 für Morgen und Abendessen. Am dritten Tag sollten wir etwas frischen essen z.B. Birchermüesli. Da sind die Zutaten aber nicht billig (Apfel, Bananen, Haferflocken, Milch, Zucker, Joghurt).
Also liebe Politiker < zuerst praktisch denken, die folgen überlegen und dann Gesetze schreiben!
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30%
(10 Stimmen)
Valentina Welser sagte Vor 29 Tagen

Tieftraurig, das alles... Es bleibt eigentlich zu hoffen, dass da im Wahljahr Hemmungen bestehen, solche Kürzungen anzureisen, das in Bern war ja schon vorher aufgegleist...eins ist klar:Solche kfr Sparübungen kommen längerfristig sehr teuer zu stehen!


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40%
(10 Stimmen)
Georg Bender sagte Vor 30 Tagen

Herr Daniel Peter

Wollen Sie nun die Ursachen der Armut bekämpfen, oder mit den Symptomen herumspielen?

Der Staat könnte sofort die Existenzkämpfe und Armut beenden, würde er das Geldsystem so umsetzen wie es die Geldschöpfung verlangt!

Frohe Ostern!


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