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VOR 80 JAHREN: MAURICE BAVAUD GUILLOTINIERT UND VERGESSEN

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Am 14. Mai 1941, also heute vor 80 Jah­ren, wurde der Schwei­zer Mau­rice Ba­vaud (Bild rechts) im "Dritten Reich" wegen der Pla­nung eines At­ten­tats auf Hitler hingerichtet. Ba­vaud, ein ka­tho­li­scher Missionar­se­mi­na­ri​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​s​t​ aus Neuchâtel hatte 1938 mehr­mals ver­geb­lich versucht, an den Dik­ta­tor her­an­zu­kom­men. Schliess­lich wurde er von der Ge­stapo aufgegriffen. Ein Rettungsversuch des Bundesrates blieb aus; er zog keinen Austausch mit einem deutschen Spion in Betracht. Der Schweizer Botschafter in Berlin, Hans Frölicher, verurteilte sogar die «verabscheuungswürdig​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​e​n​ Absichten» Bavauds. Der junge Mann wurde nach dreissig Monaten Haft in Berlin-Plötzensee mit der Guillotine hingerichtet. Über die Hinrichtung beschlossen beide Seiten Stillschweigen ...

 

14. Mai 1941. Vom Krieg ist nicht viel zu spüren. Die Fronten liegen tausende Kilometer weit weg, und der Alltag geht im Deutschen Reich seinen gewohnten Lauf. Nach dem Frühstück fährt der Schweizer Botschafter Hans Frölicher wie jeden Tag in sein Büro, während nur einige Kilometer weiter ein junger Mann aus seiner Gefängniszelle geführt wird. Bavaud heisst er, Maurice Bavaud aus Neuchâtel. Man führt den Schweizer in den Hof, wo eine Guillotine steht. Wenige Minuten später fällt das Beil. Es hätte nie so weit kommen müssen – zu Millionen Todesopfer, zum Weltkrieg, auch nicht zur Enthauptung Bavauds. 

Maurice​​​​​​​​​​​​ Bavaud wurde in Neuchâtel geboren. Er war künstlerisch begabt, sensibel, etwas träumerisch. Auf Druck des Vaters machte er eine Lehre als technischer Zeichner. Mit 19 Jahren trat er dann in ein bretonisches Seminar für Missionare ein. Er war politisch wach und las Zeitungen, war aber nie in einer Partei und nie politisch tätig.

Im Sommer 1938 kehrte er zu seinen Eltern nach Neuchâtel zurück, plünderte die Familienkasse und verschwand, ohne sich von jemandem zu verabschieden. Etwas später tauchte er in Basel auf, kaufte sich eine Pistole und stieg in den Zug nach München. Dort gab sich Bavaud als Hitler-Verehrer aus. So erfuhr er, dass der «Führer» am 9. November 1938 in München wie immer am jährlichen Aufmarsch zum Gedenken an den Münchner Putsch von 1923 teilnehmen werde. In der Nacht vom 8. auf den 9. November 1938 hatte die SA ihre sog. "Reichskristallnacht"​​​​​​ inszeniert. Bavaud stellte sich am 9. auf der Pressetribüne in die erste Reihe und beobachtete den braunen Umzug. Sobald Hitler vor ihm auftauchte, wollte er abdrücken. Es ging schief: Vor Hitler kamen Massen von SA-Leuten. Hitler ging nicht in der Mitte, sondern auf der entfernten Strassenseite, und hunderte gereckte Arme versperrten Bavaud die Sicht. Mit seiner kleinen Pistole hätte er auf diese Distanz ohnehin keine Chance gehabt. Nach weiteren gescheiterten Annäherungsversuchen an den Diktator in Berchtesgaden ging Bavaud das Geld aus. Er wurde ohne Fahrkarte im Zug nach Paris erwischt und verhaftet.

Vieles, was wir über Bavaud wissen, stammt aus Verhören und Folter. In den Protokollen fehlt sein wahres Motiv: dass er "der gesamten Christenheit" einen Dienst erweisen wollte. Wenn Bavauds Attentat gelungen wäre, hätte Hitler weder einen Angriffskrieg auslösen noch die Ermordung u. a. von Millionen von Juden befehlen können. Obwohl Maurice Bavaud zu den Helden jener Zeit gehört, ist er in der öffentlichen Erinnerung kaum präsent. 

 

Botsc​ha​​​​​ft​​​​​​​​er Hans Frölicher, ca. 1937 (Wikimedia)

Auf deutsches Ersuchen ermittelten sogar die Schweizer Behörden gegen den erfolglosen "Attentäter"! In den letzten 17 Monaten seines Lebens bekam Maurice Bavaud kein einziges Mal Besuch aus der Schweizer Botschaft. Frölicher,​​​​​​​​​​​​​ der Schweizer Botschafter, weigerte sich, sich für den angeklagten Landsmann einzusetzen. Nur der Anwalt besuchte ihn, und der beantragte dem Gericht unerschrocken den Freispruch des jungen Mannes. Dafür wurde der Anwalt auch gleich eingekerkert. Der mutige junge Mann, der den ganzen Hitler-Wahnsinn beinahe verhindert hätte, starb einsam, verlassen und vergessen auf dem Schafott. Auch ein Freund Bavauds aus dem Missionsseminar wurde später verhaftet und hingerichtet.

1956 wurde Bavaud in Deutschland – mit einer allerdings sehr fadenscheinigen Begründung, die alle wesentlichen Fragen umging – posthum freigesprochen, nachdem er in einem ersten Revisionsprozess 1955 noch zu zehn Jahren Gefängnis (!) verurteilt worden war, weil Hitlers Lebens schützenswert gewesen sei.

Erst 1980 rückten der Roman "Es ist kalt in Brandenburg" von Niklaus Meienberg und der Film dazu die Hinrichtung Bavauds in den Fokus der Öffentlichkeit. Das Schweizer Fernsehen zeigte ihn aber nur in einer zensierten Fassung, weil im Film erwähnt wird, dass der damalige Bundespräsident Carstens Mitglied der NSDAP gewesen sei. Diese Aussage hätte nach Auffassung der Redaktion den Staatsbesuch Carstens in der Schweiz "belasten" können ...

Die Filmproduzenten lösten in den 1980er-Jahren in der Schweiz ausserdem einen Aufruhr von rechter Seite aus. Nicht nur Meienberg sondern auch Schweizer, die gegen Nazi-Deutschland Widerstand geleistet hatten, galten für diese Kreise damals immer noch als suspekt ...

2008 wurde Bavaud vom Bundesrat pseudo-rehabilitiert:​​ Bundespräsident Couchepin schrieb in einer Antwort auf eine Motion von NR Paul Rechsteiner (SP) von 1997 (!), aus heutiger Sicht hätten sich die damaligen Schweizer Behörden zu wenig für Bavaud eingesetzt. Er habe das Verhängnis, das Hitler dann über die Welt gebracht habe, vorausgeahnt.

https://www.parlamen​​​​​t.ch/de/ratsbetri​e​b​/​s​uche-curia-vi​st​a/​ge​sc​haeft?Aff​air​Id=​199​711​04

20​11 wurde in Hauterive NE eine Gedenkstätte eingeweiht – aber nicht vom Bundesrat sondern von Maurice Bavauds jüngstem Bruder ...

 
Heute, am 14. Mai 2021, zeigt das SRF 1 erstmals die vollständige Fassung des Films "Es ist kalt in Brandenburg" – aber erst um 23.55. Noch immer ist es Bavaud nicht wert, in der Hauptsendezeit ausgestrahlt zu werden.
 
 
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1. Juni 2021
 
Soeben ist ein Aufsehen erregendes historisches Werk, das die touristische Situation in einem Bündner Hotel während des 2. Weltkriegs anhand tausender Gästekarten aufarbeitet, erschienen: Keine Ostergrüsse mehr! Die geheime Gästekartei des Grandhotel Waldhaus in Vulpera. Menschen jüdischen Glaubens und Nationalsozialisten im selben Speisesaal, die Entwicklung der Judenfeindlichkeit des Personals sowie die ungestörten landesweiten Vorbereitungen für die Machtübernahme durch Gauleiter Gustloff kommen zur Sprache.
 
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